Mut und Verzweiflung

Vor vielen Jahren, irgendwo in den Alpen auf einem Campingplatz, saß ich eines Abends vor meinem Zelt, als festen Schrittes ein kleiner Italienerjunge daher kam. Bei mir angekommen, bemerkte er, dass er sich zwischen den vielen Zelten und Wohnwagen offenbar verlaufen hatte. Das Bambino schlug grinsend die Hände vor sein Gesicht, rief laut „Mamma miiia!“, drehte auf dem Absatz um, und zog munter wieder davon.

Mein Lachen war noch nicht ganz abgeklungen, als schon wieder ein italienischer Winzling den Weg entlang kam – dieser allerdings laut und verzweifelt weinend. Es war klar, dass auch er sich verlaufen hatte, und nun nach seinen Eltern suchte. Ich stand auf, nahm den Knirps wortlos an die Hand, und wir gingen gemeinsam den Weg zwischen den Zelten zurück. Sein Weinen ebbte langsam ab, und ich bog mit ihm – wahllos oder intuitiv – in einen anderen Platzweg ein. Dort löste sich irgendwann seine Hand aus meiner, und zielstrebig scherte er nach links aus, hin zu einem italienischen Wohnmobil. Kurz bevor er durch die Türe entschwand, drehte er sich noch einmal um, und schaute mich mit großen Augen an, gerade so, als hätte er erst jetzt meine Begleitung bemerkt.

***

Natürlich ist es Zufall, dass mir diese kleine Geschichte tatsächlich so passiert ist. Dennoch gleicht sie augenfällig einer Parabel. Es bedarf keiner großen Erläuterung, dass die beiden italienischen Kinder für zwei Grundtypen von Menschen stehen:

Jene eher unbekümmerten Menschen, die meist positiv, tatkräftig, mit Mut und einer gewissen Leichtigkeit an die Dinge herangehen; Menschen, die über sich selbst lachen, wenn sie sich verlaufen oder verrannt haben, und dann einfach weitergehen, um den richtigen Weg zu finden.

Und die hierzu gegensätzlichen Menschen, welche den Dingen eher negativ, problematisierend, dramatisierend oder resignierend begegnen; Menschen, die manchmal wie gelähmt von ihren Irrungen eines klaren Blickes kaum noch fähig sind, um ihren Weg selbst zu finden.

Selbstverständlich geht es dabei nicht darum, die Probleme in der Welt und im Leben zu ignorieren. Beide Kinder in der Geschichte haben das gleiche Problem, sich verlaufen zu haben, und beide wissen auch um ihr Problem. Es einfach zu ignorieren, würde beide Kinder nicht zu ihren Eltern zurückbringen. (Genau das aber tun manche Erwachsene: Sie ignorieren die Probleme. Auch wenn sie dadurch eine gewisse Unbekümmertheit erreichen mögen, so wundern sie sich doch irgendwann, niemals wirklich anzukommen oder Reife zu erlangen.)

Vielmehr geht es darum, wie man mit den Schwierigkeiten umgeht, die einem begegnen.

Über den ersten Typus der eher Unbekümmerten braucht man dabei keine weiteren Worte verlieren. Sie sehen das Problem und packen es an. Fertig. Das sind die Mach-ich-Menschen. In der Arbeitswelt sagt man, dass sie „in Lösungen denken“.

Der zweite Typus der Problematisierer steht sich hingegen meist selbst im Weg, und raubt zudem nicht selten seinen Mitmenschen die Nerven. Das sind die Kann-ich-nicht-Menschen. In der Arbeitswelt sagt man, dass sie „in Problemen denken“. Beliebte Sprüche unter ihnen sind „Das kann gar nichts werden“ oder „Das wird nicht funktionieren“. Und wenn solche Menschen dann auch noch angesichts von Problemen „dicht machen“, und/oder ihr erlerntes und mutloses Misstrauen ihnen verweigert, Begleitung oder Hilfe zuzulassen, dann geht meist wirklich nichts mehr. „Das hab ich so kommen sehen“ ist dann ihr sich anschließender Spruch. So etwas nennt man eine „Selbsterfüllende Prophezeiung“. Darin sind die Problematisierer richtig gut.

Von weitem hört man nun schon die Ich-bin-nun-mal-so-Fraktion protestieren. Doch keine Bange, die sind meist zu bequem, um näher zu kommen. Es scheint selten zu sein, dass jemand sich aus diesen Reihen löst, und anfängt, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Dann aber kann es geschehen, dass ein solcher Jemand irgendwann überrascht feststellt, dass er auf seinem Weg an die Hand genommen und begleitet wurde. So wie der kleine, weinende Italienerjunge.

Fühlend werden, denkend werden

»Der denkend gewordene Mensch erlebt die Nötigung, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegen zu bringen wie dem seinen. Er erlebt das andere Leben in dem seinen. Als gut gilt ihm, Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten. Dies ist das denknotwendige, universelle, absolute Grundprinzip des Ethischen.«

Albert Schweitzer

Quelle: Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt

»Mit drei Gegnern hat sich die Ethik auseinanderzusetzen: mit der Gedankenlosigkeit, mit der egoistischen Selbstbehauptung und mit der Gesellschaft.«

Albert Schweitzer

Großvater

Dieses Jahre wäre mein Großvater 134 Jahre alt geworden. Die Erzählungen über ihn kannte ich schon länger, aber erst vor wenigen Jahren sah ich zum ersten mal die zu diesen Geschichten und zu diesem Menschen gehörenden amtlichen Dokumente, angefangen vom Taufschein seiner Großeltern aus dem Jahre 1804…

Im ersten Weltkrieg als Regimentsschreiber reich dekoriert, wurde er ein aufrechter preußischer Beamter. Im „Dritten Reich“ hatte er sich öffentlich gegen Hitler und die NSDAP geäußert, wurde verhaftet und kam in ein Konzentrationslager. Der Aussage des Landrates in den Papieren konnte ich entnehmen, dass er anlässlich einer Amnestie zu Hitlers fünfzigstem Geburtstag wieder frei kam. Doch von den gesundheitlichen Folgen der Inhaftierung erholte er sich zeit seines Lebens nicht mehr. Dennoch hielt er auch in der jungen DDR wieder nicht seinen Mund, und musste nach dem Verrat durch einen seiner eigenen Söhne erneut mit seiner Familie in einer Nacht- und Nebelaktion in den Westen fliehen.

Wie gerne hätte ich ihn kennengelernt, seinen Geschichten zugehört, vom Leben vor dem ersten Weltkrieg, seiner Zeit als von den Alliierten eingesetzter Bürgermeister, von der Vertreibung aus Schlesien und der großen Flucht, von der Hungersnot, von der Armut, weil die BRD ihm keinen Pensionsanspruch zugestehen wollte, … Doch er starb einige Jahre vor meiner Geburt.

Ich trage übrigens seinen Namen: Stefan. Es muss in den frühen 1930er Jahren gewesen sein, als in irgendeinem amtlichen Vorgang sein Name einmal in der Schreibweise „Stephan“ vermerkt wurde. Und da das preußische Beamtentum niemals irrte, musste es bei dieser Schreibweise bleiben. So steht noch heute auf seinem Grabstein Großvaters Name anders als in seinem Taufschein.

Weiße Lilie

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Als meine Seele war
wie ein vertrockneter Same,
der zu Boden fiel,
verweht auf sandiger Erde,

da hoffte ich auf deine Tränen,
mein Engel,
sie mögen fallen,
auf gleichen Boden,

so auch nur eine deiner Tränen,
mein Engel,
treffe den verdörrten Samen,
verweht auf sandiger Erde.


Aus der Mode gekommen

Man ist erfolgreich. Man setzt sich durch und behauptet sich. Selbstbewusst und stark. Frechheit siegt. Spitze Ellenbogen. Man hält mit. Man ist modisch, geizig und selbstverwirklicht. Gesunder Egoismus. Schließlich ist man auch etwas wert. Oft mehr als andere. Niedermachen ist schick. Man ist wer. Man will doch auch leben. Und zwar individuell. Ein guter Mensch ist man trotz alledem. Kalkül wird versteckt. Auch vor sich selbst.

Sie ist aus der Mode gekommen: Die Demut. Manchmal mit Bezug auf den Wortursprung (ahd. diomuoti, mhd. diemüete – dienstwillig, dienstgesinnt) auch Dienmut genannt.

Mut zum Dienen? Ja. Dienen ohne Kalkül braucht Mut. Den Mut, sich entgegen dem Trend der Masse wirklich selbst loszulassen, statt sich trendig von der Masse lose selbstverwirklichen zu lassen.

Und Mut im alten Sinne des Wortes: Sinn. Dienen macht Sinn. Dienen schenkt Sinn. Dienen: Anderen Menschen, oder Tieren, der Umwelt, oder dem Frieden, der Gerechtigkeit, oder der Freiheit, dem Leben, oder Gott (auch aus der Mode gekommen). Dienen als Sinngebung, als Ge-sinn-ung.

Demut bedeutet keine Selbstentwertung. Jeder, der auch nur einmal im Leben richtig liebte, weiß das. Denn hinter der Demut steht die Liebe. Liebe richtet auf. Den geliebten Menschen wie den liebenden Menschen. Ist das mein Nutzen der Demut? Falsche Frage. Wer in der Liebe die Kosten-Nutzen-Rechnung aufmacht, hat schon verloren. Und zwar die Wahrheit der Liebe.

Und Demut bedeutet auch keine völlige Selbstaufgabe. Sich loslassen ist etwas anderes als sich aufgeben. Das musste selbst Mutter Teresa als erstes lernen. Man würde verbrennen wie ein Strohfeuer. Um ein Feuer, das andere lange zu wärmen vermag, muss man sich kümmern.

Ich bin nicht besser als andere. Zu oft fehlt mir Mut und Sinn, mich selbst loszulassen. Aber ich bin altmodisch.

Existenzphilosophie

Klee

 

 

 

Ist es Hochmut vom Klee,
wenn er lieber als Schmetterling lebt?

 

 


Diesen Klee habe ich vor einigen Jahren im Wald entdeckt und schon einmal mit der genannten Frage verknüpft. Bis heute habe ich darauf keine Antwort gefunden…

Sich finden

„Die Kosten für einen Selbstfindungstrip kann man sich sparen,
wenn man einfach aufhört, vor sich selbst wegzulaufen.
Manche Dinge sind eben ganz banal.“

Ja, nicht die Selbstfindung ist das Problem im Leben. Dazu braucht es keinen Guru und keinen Therapeuten. Nicht mehr vor sich selbst wegzulaufen: Das ist die Schwierigkeit. Denn vor sich selbst läuft weg, wer vor der Wahrheit wegläuft. Das ist für manche Menschen dann schon schwieriger, denn niemand kann die Wahrheit finden, der vor ihr wegläuft. Hierzu braucht es manchmal dann eben doch einen Therapeuten.

Wer nicht mehr vor sich selbst wegläuft, der braucht sich auch nicht selbst zu finden. Er ist ja eh bei sich.

(Fast) ohne Worte

Eine Glasflasche ist ein Behälter. Ein Motoröl-Plastikkanister ebenso.
Glas ist transparent. Frisches Motoröl ebenso.
Passt also, dachte sich der Sich-des-Kanisters-Entlediger, konnte sich wegen der silbernen Farbe nur nicht entscheiden, ob nun zum Buntglas oder zum Weißglas…

Muss an mir liegen, wenn ich manche Menschen nicht verstehe.

Foto: Meiner selbst, heute.

Verstummen

Vor fünf Jahren notierte ich in meinem damaligen Blog unter der Überschrift „Tiefe“:

„Ich werde für Sie beten. Glauben Sie an Gott? Bei Ihnen könnte ich mir das vorstellen. Nichts mache ich ohne Gott.“ sagte sie, ohne wirklich meine Antwort abzuwarten..

Da stand ich nun vor dieser fremden, wunderlichen, alten Dame, die es vermeidet, ihr Haus zu verlassen, hatte mehrmals einen Kloß im Hals und kämpfte mit den Tränen, als sie ihr halbes Leben vor mir ausbreitete und mir ihre Gefühle offenlegte. Dabei wollte ich ihr eigentlich nur ihr gestern entlaufenes Hündchen wiederbringen.

Große Begegnungen finden oft im Kleinen, Verborgenen statt. Zum Beispiel in Hauseingangsfluren.“

Gestern ging ich an ihrem Haus vorbei. In dem verwilderten Vorgarten steht nun ein Schild mit der Aufschrift „Zu verkaufen“.

Selbst verdacht

Wenn der Denker beginnt, mit seinem Denken Mitleid zu haben, so dass das Denken beginnt, sich milde zu denken, dann täuscht das Denken erst sich, dann milde den Denker, so dass der Denker beginnt, mit sich Mitleid zu haben, und milde schließlich über sich denkt, er dürfe künftig so tief nicht mehr denken.

(Wie oft stehen wir trockenen Fußes im tiefen Wasser?)