Henosis

Wie klingt deine Seele?

Kann ich sie hören,
wenn ich ganz still bin,
leerer Raum
für Widerhall?

Muss ich erst erlöschen
in das lichte Sein,
wo Seelenklänge sich vereinen
zu unerhörter Musik?

Warum sehnt sich meine Seele
so sehr
schon jetzt
nach dem Klang der deinen?

 

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Du bist du und die für mich (Liebeserklärung mit Fußnote)

Du sollst nicht aussehen wie Miss World,
nicht kochen wie meine Mutter;
du sollst nicht zaubern wie die gute Fee
und nicht leben wie Mutter Theresa.

Nur da sein: Das sollst du.

Du musst nicht dichten können wie Rilke,
nicht denken wie Albert Einstein;
du musst nicht singen können wie die Callas,
und nicht malen wie Van Gogh.

Nur da sein, bitte, das musst du.

Du brauchst nicht lustig sein wie die Engelke,
nicht auftreten wie Romy Schneider;
du brauchst nicht tanzen wie die Plissezkaja,
und auch nicht gräflich Wimbledon gewinnen.

Sei nur da. Sei Du für mich. Ich brauche dich.

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Fußnote:

Du, ich steh auf dich,
ich liebe deine Spaghetti;
du hast mich damals schon verzaubert,
und deine Fürsorge beschämt mich.

Du sagst manchmal Worte, die ins Herz gehen,
denkst oft Sachen, die ich nicht verstehe;
ich mag den Klang deiner Stimme,
und wie dein Einkaufszettel aussieht.

Ich liebe dein Lächeln und dein Lachen,
das Auftreten deines Fußes auf meinen,
ich mein‘ jetzt nicht beim Tanzen;
und wie du mein Herz gewinnst,

einfach weil du da bist.

Ich mag sogar die Note deiner Füße.

Weiße Lilie

lilie_0

Als meine Seele war
wie ein vertrockneter Same,
der zu Boden fiel,
verweht auf sandiger Erde,

da hoffte ich auf deine Tränen,
mein Engel,
sie mögen fallen,
auf gleichen Boden,

so auch nur eine deiner Tränen,
mein Engel,
treffe den verdörrten Samen,
verweht auf sandiger Erde.


Kinder

Blumen in staubiger Welt

flechten sie Freude in düst’re Geschicke

und höhnen der irdischen Götter Macht.

Hör du, die hellen Glocken erklingen

in erdenfremdem Menschenglücke

und lausche, wenn ein Kind dir lacht.

Sieh nicht hinab auf die Blüten der Liebe,

die knospend an deiner Zukunft schon tragen

in reinen Augen;

und Antwort gab dir Gott auf seelenbange Fragen

durch sie,

daß nimmer du knechtest

den Bruder, die Schwester,

das eigene Sein in Banden gefangen

der Mächte,

die selbst du aus Träumen schufst.

So magst du zur Wahrheit im Kind nur gelangen,

erleben die Wahrheit im Kindlichen nur.

Gerhard Beschoner

 


Dieses Gedicht schrieb und schenkte mir mein Patenonkel – der bereits in meiner Kindheit zu meinem „Lieblingsonkel“ wurde – zu meiner Geburt. Doch davon wusste ich nichts. Erst jetzt, ein halbes Jahrhundert später, ganz kurz vor meinem 50. Geburtstag, erhielt ich es durch meine Mutter überreicht, und las es zum ersten Mal. Als hätte sie es damals schon geahnt, ohne es selbst zu wissen. Ein Lebensprogramm zu verstehen bedarf es manchmal sogar eines ganzen Lebens.

Mit der Unschuld der Kinder ist es heutzutage leider oft nicht mehr so weit her. Wenn wir uns wirklich eine zärtlichere Welt wünschen, sollten wir bedenken, dass Kinder schnell und wesentlich von uns Erwachsenen lernen, wie man selbst und wie die Welt „zu sein hat“. Wir leben es ihnen vor. Die Unschuld stirbt schnell, wenn wir für Worte nur schwärmen, ohne sie zu leben.

„Daß nimmer du knechtest den Bruder, die Schwester, das eigene Sein in Banden gefangen der Mächte, die selbst du aus Träumen schufst.“

Gestrandung

Gestrandung

 

Muschelkantenscharfe Wellen.
Spielend. Blauer Seesternhimmel.

Sonnensandig Warmer Wind.
Seepferdchenweite. Reitend.

Fußumspülte Klarheiten.
Handtuchtrocknend. Gänsehaut.

Tatjana Johannsen