Wie kommt’s?

Menschen, die versuchen, diese Welt ein klein wenig zu verbessern, fühlen sich meist in besonderer Weise nicht nur mit allen Menschen, sondern auch mit den Tieren und der Natur – und manchmal mit dem gesamten Kosmos – verbunden. Diese Verbundenheit ist ein kleiner Vorgeschmack, ein noch verschwommener Blick, auf das Bewusstsein des „Eins-Sein-mit-Allem“, der Nondualität. Solche Begriffe stehen für das Erleben (nicht erdenken) der Überwindung der Subjekt-Objekt-Relation und werden im religiös-spirituellen Kontext mit „Mystik“ überschrieben. Erstaunlicherweise „haben zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Menschen mystische Erfahrungen gemacht – weltweit“ (R. Vaas, M. Blume: Gott, Gene und Gehirn, Verlag Hirzel, Stuttgart 2009). Erstaunlicherweise? Manche Hirnforscher gehen davon aus, dass derartige Erfahrungen im Menschen angelegt sind und grundlegend zum Menschsein dazugehören (Ramachandran, Newberg, Persinger, Schröter-Kunhardt, u.a.). Solche Erfahrungen erschaffen zwar noch nicht das nonduale Bewusstsein, aber sie können Schlüssel und Tür dafür sein. Sie ereignen sich entweder spontan und ungesucht, oder aber auf dem fruchtbaren Boden jahrelangen Meditierens.

So war es auch bei mir. Vor drei Jahrzehnten überfiel mich die erste Erfahrung des „Eins-Seins“, und im Jahre 2003 schließlich gab es den „großen Durchbruch“. Seit dem ist mir vieles einfach nicht mehr möglich, worüber ich vorher nicht mal nachgedacht habe – und einiges möglich, was ich vorher nicht konnte, oder ablehnte.

„Auf der rationalen Stufe (fünfter Drehpunkt) dezentriert oder erweitert sich die Identität erneut, wobei sie jetzt die bloß ethnozentrische oder soziozentrische Identität transzendiert und zu einer postkonventionellen oder weltzentrischen Identität gelangt. Man identifiziert sich jetzt aus einer globalen Perspektive. Man kann nicht mehr als ethnozentrisches Wesen existieren oder sich als solches identifizieren. Es schmerzt, nur ethnozentrisch zu sein. Ethnozentrische Reden empfindet man als peinlich. Man hat sich erneut dezentriert, erneut transzendiert. Die jetzige Identität bewegt sich in und existiert dank einem weltzentrischen oder globalen Bewußtsein, einer Identität im Kreis aller Menschen.
Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, um seine zentrale Identität nicht nur mit allen Menschen, sondern mit allen Lebewesen wirklich zu erfahren. Das globale oder weltzentrische Bewußtsein macht einfach einen weiteren Schritt nach vorn, entrinnt seinem anthropozentrischen Vorurteil und verkündet sich als alle fühlenden Wesen. Dies ist das Erlebnis der Weltseele.
Von der Weltzentriertheit zur Weltseele ist es also nur noch ein relativ kleiner Schritt, wenn man bedenkt, was auf dem Wege zur Erweiterung der Bewußtseinsidentität schon alles geschehen ist. Es ist nichts weiter als die natürliche Forstsetzung des evolutionären Prozesses des Transzendierens und Einschließens, des Ausfaltens und Einfaltens. Jede Emergenz ist ein Dezentrieren, eine Transzendenz, die feststellt, daß wieder ein Stück mehr der „äußeren Welt“ in Wirklichkeit „innerlich“, Teil des eigenen Wesens ist.
Moleküle erwachten eines Morgens und stellten fest, daß in ihnen Atome waren, in ihrem Wesen beschlossen. Zellen erwachten eines Morgens und stellten fest, daß Moleküle als Teil ihres Wesens in ihnen waren. Und vielleicht erwachen auch Sie eines Morgens und stellen fest, daß die Natur ein Teil von Ihnen ist, buchstäblich im Inneren Ihres Wesens. Sie sind nicht Teil der Natur – die Natur ist Teil von Ihnen. Und aus diesem Grund gehen Sie mit der Natur nicht anders um, als Sie mit Ihren Lungen oder Ihren Nieren umgehen würden. Eine spontane Umweltethik brandet in Ihrem Herzen auf, und Sie werden einen Fluß, ein Blatt, ein Reh, einen Zaunkönig niemals mehr mit denselben Augen sehen.
Dies klingt vielleicht ein wenig verrückt und seltsam – bis man selbst diese Erfahrung macht.

Ken Wilber, Eine kurze Geschichte des Kosmos, Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1997/2011, S. 264 f

Ja, das klingt vielleicht ein wenig verrückt und seltsam. Aber das ist der Grund, warum mich so vieles auf der Welt so sehr „angeht“, obwohl es mich doch eigentlich nichts angeht. Das lässt sich ebensowenig abstellen, wie ich meine Lungen oder Nieren einfach abstellen könnte. Auch wenn Lungen oder Nieren manchmal weh tun: Es lässt sich gut damit leben, wenn man erkennt, wie grundlegend Lungen und Nieren für mein eigenes Leben sind.


Dieser Beitrag ist einem geliebten Menschen gewidmet, der sich Sorgen macht, mein „inneres Engagement“ könne mich kaputt machen. Vielleicht kann aber auch die/der ein oder andere etwas damit anfangen.


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6 Kommentare zu “Wie kommt’s?

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