Sag mal, übertreibst du es nicht?

Ein Gespräch über Ethik

T: Sag mal, übertreibst du es nicht ein bisschen mit allem?

S: Nun ja, wenn du von Übertreibung sprichst, zeigt das, dass du mein Verhalten an einem Durchschnitt, einer „Norm“, also an Normalität, an dem, was die meisten Leute tun, bemisst. So gesehen hast du recht.

T: Warum tust du es dann?

S: Weil ich selbst mein Verhalten nicht danach ausrichte, was normal ist, also was die anderen tun, sondern an einer ethischen Positionierung.

T: Willst du damit sagen, ich sei nicht ethisch?

S: Das habe ich nicht sagen wollen. Ethik und Moral sind nicht das gleiche. Ethik ist Moralphilosophie, also das Nachdenken über Moral.

T: Du hast also über Moral nachgedacht und bist zu dem Schluss gekommen, die Moral der meisten Leute sei für dich falsch?

S: Ja und nein. Schau, die meisten Leute denken nicht, oder nicht sehr viel, über Moral nach. Die Moral bildet sich somit oft nur aus einem unbewussten Konsens, gepaart mit kulturellen Prägungen heraus. Daher verhalten sich viele Menschen durchaus moralisch im Sinne dieses Konsens, aber ethisch hält das oft nicht Stand.

T: Und wieso sollte so ein Konsens nicht ganz ok sein und ausreichen? Wozu sich das Leben so schwer machen?

S: Weil es viel zu oft viel zu sehr und unnötig auf Kosten von anderem und anderer geht, was so als „normal“ gilt. Die meisten Menschen merken gar nicht, dass sie einem latenten Hedonismus frönen.

T: Was heißt das?

S: Hedonismus ist in der Ethik eine Lehre, welche das Streben nach Genuss, Freude, Sinneslust und Vergnügen als Motivation, Orientierung und Ziel des Handelns betrachtet.

T: Was ist so verkehrt daran?

S: Genuss und Freude sind nicht verkehrt, sondern etwas schönes. Aber wer sein Bewusstsein entwickelt, wird den Preis erkennen, den andere und anderes dafür zahlen, wenn wir Genuss und Freude im häufigsten Sinne suchen. Und wer kein ausgesprochener Egoist ist, wird mit dieser Erkenntnis in eine kognitive Dissonanz geraten…

T: Aber Leben geht doch immer auf Kosten anderer und anderem…

S: Richtig. Es beginnt mit der Nahrung und endet nicht nur beim Abtöten von Bakterien bei einer Erkrankung. Aber heißt das, ich kann machen was ich will? Natürlich nicht. Wie also kann ich damit umgehen? An welchen Kriterien kann ich mein Handeln ausrichten? Ist es die Notwendigkeit? Nun, wenn man ehrlich ist, für die meisten wohl nicht.

T: Dennoch denken wir doch auch an die Umwelt!

S: Das leugne ich auch nicht. Doch was steckt dahinter? Sprachgebrauch spiegelt immer auch den Stand ethischen Bewusstseins und entsprechend daraus resultierender Handlungsfolgen wider. Wie wir reden, so sind wir. Wenn wir darüber nachdenken, wie wir reden, so denken wir auch über uns selbst nach. So verweist der Begriff Umwelt auf die Wahrnehmung der Welt als um den Menschen herum. Die entsprechende ethische Positionierung wird folglich anders ausfallen als in der Wahrnehmung der Welt als einem Miteinander des Menschen mit allem, was ihn umgibt. Der Umwelt-Begriff wird in aller Regel in der anthropozentrischen Perspektive gebraucht. Umweltschutz wird betrieben, um Menschen das Überleben oder bestimmte Werte zu sichern, jetzt und für künftige Generationen. Mitwelt ist ein vom Naturphilosophen Prof. Dr. Meyer-Abisch eingeführter Begriff, um den Blickwinkel von der stark anthropogen bezogenen und auf den Menschen als im Mittelpunkt stehenden Subjekt hin zu einem auf die Eigenwelt der Natur einbeziehenden Sichtweise aufzuwerten. Hierbei besteht jedoch in gewissem Rahmen – trotz der vom Anthropozentrismus sich fortbewegenden Denkweise – nach wie vor die trennende Wahrnehmung des Menschen als sich der „Eigenwelt der Natur“ gegenüberstehend – mit entsprechenden Schlussfolgerungen in der dieser Perspektive entspringenden ethischen Überlegungen.

T: Wie sonst sollte es sein?

S: Der Mensch lässt sich auch als nicht getrennt von Umwelt, Mitwelt oder Natur denken, als Teil von ihr, der mit ihr zusammen in aller Vielfalt ein Ganzes bildet. Im Kontext des einen Ganzen lässt sich der Mensch und sein Handeln auf eine Ethik hin betrachten, die durch holistische Positionen gekennzeichnet ist. So in etwa nennt man das Holistische Ethik. Ist die Welt wirklich um mich herum, oder ist sie eher mit mir, oder erfahre ich mich als eins mit der Welt? Das sind drei unterschiedliche Erfahrungsperspektiven.

T: Und das führt zu unterschiedlichen Bewertungen…

S: Korrekt. Im Wesentlichen gibt es dabei vier ethische Werthaltungen, die zu entsprechenden ethischen Grundpositionen führen:

  1. Instrumenteller Wert: Etwas wird um etwas anderen willen geachtet.
  2. Inhärenter Wert: Etwas wird um seiner Gegenwart willen geschätzt.
  3. Intrinsischer Wert: Etwas ist wertvoll, weil es in sich selbst für gut befunden wird.
  4. Eigenwert: Etwas wird um seiner selbst willen geachtet.

Es kann dabei durchaus zu Überschneidungen dieser Werthaltungen kommen. Jeweils zu erkennen, welche Werthaltung in der eigenen ethischen Position in den Vordergrund tritt, ist wesentlich für die Bewusstmachung der Gründe des eigenen Denkens und Handelns.

T: Aber es ist doch nun mal immer so, dass erst mal der Mensch kommt.

S: Naja, das nennt man eine anthropozentrische Sichtweise. Der Anthropozentrismus ist nicht nur weit verbreitet, sondern stellt im Großen und Ganzen das übliche Weltbild der heutigen Menschheit dar. Dementsprechend sind die meisten ethischen Haltungen mehr oder minder anthropozentrisch basiert. Mit einfachen Worten gesagt, stellt der Anthropozentrismus den Menschen in den Mittelpunkt der Welt und in das Zentrum ethischer Überlegungen. Moralische Verpflichtungen bestehen entsprechend prinzipiell nur, zumindest weit vorrangig, gegenüber Menschen. Das bedeutet jedoch nicht, dass für Anthropozentriker alles andere bedeutungslos wäre. Natur-, Umwelt- und Tierschutz gelten als Handlungsnormen zur Zweckerfüllung zugunsten des Menschen mit drei Argumenten:

  1. Basic-Needs-Argument: Der Mensch ist auf die Umwelt angewiesen. Um die menschlichen Lebensgrundlagen zu sichern, muss er die Umwelt schützen. Um z.B. gesündere Nahrung zu erhalten, strebt er biologischen Landbau oder artgerechte Tierhaltung an. Damit weist er Natur, Tieren usw. einen instrumentellen Wert zu.
  2. Ästhetisches Argument: Der Mensch schätzt die Natur um ihrer Gegenwart und Ästhetik wegen. Sie ist einzigartig und als Quelle angenehmer Empfindungen für den Menschen unverzichtbar, eine Art Kulisse für ein gutes Leben. Damit wird ihr ein inhärenter Wert zugewiesen.
  3. Pädagogisches Argument: Ein respektvoller Umgang mit der Natur oder den Tieren erzieht den Menschen zu einem besseren Umgang mit anderen Menschen (wiederum also ein instrumenteller Wert).

T: Aber das ist doch etwas Gutes!

S: Ja, das ist es. Aber genügt es? Sag mir, wie würdest du den Anthropozentrismus begründen?

T: Hm, ich fürchte, das kann ich nicht…

S: Mir ist noch nie eine philosophisch schlüssige Begründung des Anthropozentrismus begegnet. Er lässt sich nur religiös-ideologisch oder wissenschaftlich-reduktionistisch begründen. Meist aber wird er gar nicht begründet. Die Kultur brachte ihn hervor und gibt ihn einfach von Generation zu Generation weiter. Kaum einer stellt das in Frage. Der Anthropozentrismus wird also einfach gesetzt, nicht hergeleitet oder begründet, gerade so, als wäre er axiomatischer Natur. Mit anderen Worten: Der Anthropozentrismus entbehrt einer epistemologischen bzw. argumentativen Grundlage.

T: Naja, aber der Mensch hat nun mal auch besondere Fähigkeiten.

S: Ja, die besondere Befähigung des Menschen wird meist als das Hauptargument für den Anthropozentrismus herangezogen. Schließlich seien Fähigkeiten wie Denken, Geist, Religiosität, Kunst usw. nur dem Menschen zu eigen, nicht aber den Tieren. Abgesehen davon, dass sich in den Wissenschaften längst die Erkenntnis abzeichnet, dass es sich hierbei lediglich um graduelle, nicht aber prinzipielle Unterschiede handelt – wenn auch sehr deutliche, übersieht diese Argumentation, dass Ethik in der Regel nicht Gruppierungen gilt, sondern Individuen, respektive Individuen in Gruppierungen. Daraus folgt, dass es anthropozentrisch-ethischen Positionierungen mit dem Anknüpfungspunkt gruppenunterscheidungsrelevanter Befähigungen an argumentativer Stringenz fehlt.

T: Kannst du ein Beispiel nennen?

S: Ein konkretes Beispiel hierfür ist der dauerkomatöse Patient, welcher nicht mehr zum Denken befähigt ist. Ihm gegenüber gestellt wird zum Beispiel ein hoch entwickelter Primat wie ein Schimpanse, der in einem Ausmaß zum Kombinieren und Vorausplanen befähigt ist, dass man dieser Befähigung nicht mehr ohne weiteres die Begrifflichkeit des Denkens absprechen kann. Wäre nun die Denkbefähigung entscheidendes Kriterium für ethische Wertbeimessung, so dürfte man im Zweifelsfalle eher den komatösen Patienten töten als einen Schimpansen – was aber gerade ein Anthropozentriker keinesfalls unterschreiben würde.

T: Also ist Anthropozentrismus nur unreflektierte Kultur?

S: Nun, ganz so einfach, wie ich es sagte, wird es nicht sein. Die eigentliche Basis des Anthropozentrismus ist möglicherweise eine Mischung aus evolutiv entstandener allgemeiner genetischer Disposition, die zu bestimmten Verhaltenausprägungen führt – sozusagen Arterhaltung zwecks Genweitergabe -, und mit der Regulierung von Sozialverbänden sowie deren Orientierung und Agieren in der Welt zusammenhängt, im Verbund mit kulturellen Prägungen. Aber das ist schon arg reduktionistisch und verkennt wesentliche Dimensionen des Menschseins…

T: Der Anthropozentrismus betrachtet den Menschen faktisch oder explizit als „Krone der Schöpfung“.

S: Ja, aber ich erkenne keinen vernünftigen Grund dafür. Dennoch wurden wir geprägt, so zu denken, der Mensch stehe stets im Mittelpunkt, oder hätte stets Vorrang vor allem anderen. Das gilt auch für mich und gerät sicherlich hier und da unreflektiert in mein Handeln. Es zu hinterfragen und zu ändern liegt bei mir…

T: Welche anderen Positionen kennt die Ethik?

S: Die ethische Grundposition des Pathozentrismus spricht moralisch allen empfindungsfähigen Wesen einen Eigenwert zu, basiert also – wenn auch nur begrenzt – auf der genannten Werthaltung des Eigenwertes. Nach herrschender Meinung steht die pathozentrische Haltung im Gegensatz zum Anthropozentrismus, jedoch findet sie sich tatsächlich auch in der „milden Form“ des Anthropozentrismus, welche nicht mehr ausschließlich dem Menschen ethisch relevanten Wert beimisst, diesem jedoch mit deutlichem Vorrang. In dieser Ausprägung begründet er zum Beispiel Vegetarismus oder den rechtlichen Tierschutz. Die Kritik an pathozentrischer Ethik argumentiert, der Leidbegriff unterliege zu sehr der Subjektivität, so dass sich aus ihr keine objektive Handlungsanleitung ergeben könne. Hinzu tritt oft eine utilitaristische Sichtweise auf den Pathozentrismus, welche gleichsam mengenmäßig großes Leid weniger Individuen gegen die Freude vieler Individuen aufrechnen zu können meint. Hierbei wird der ethischen Haltung latent, oder auch explizit, teleologisch eine Art Hedonismus oder Eudämonismus zugrunde gelegt – konsequenterweise müssten sich diese allerdings wiederum dem Vorwurf der Subjektivität stellen -, und orientiert sich de facto – schon aufgrund der Argumentation hinsichtlich der Empathien – letztlich wieder am Vorrang des Menschen.

T: Und was geht darüber hinaus?

S: Der Biozentrismus. Er geht über die beschränkte Eigenwertzuordnung des Pathozentrismus hinaus und ordnet allem Lebendigen einen ethischen Eigenwert zu. Unterschieden werden zwei Ausprägungen:

  1. Egalitärer („radikaler“) Biozentrismus: Jede Entität hat den gleichen Eigenwert.
  2. Hierarchischer („schwacher“) Biozentrismus: Die Eigenwerte sind abgestuft, in der Regel danach, wie „hoch“ ein Lebewesen entwickelt ist.

Der Biozentrismus ist dabei die erste Ebene, auf der schlüssig kontraktualistisches Denken seinen Platz finden kann – z.B. „Verträge“ mit Tieren -, Fragen der Gerechtigkeit, des Ein- oder Ausschlusses und der Diskriminierung gestellt werden können und werden, wie in der Speziesismus-Debatte. Die Kritik am Biozentrismus wird i.d.R. aus utilitaristischer oder anthtropozentrischer Sicht geführt, der ich so oder so nicht folgen kann.

T: Wenn es eine erste Ebene gibt, dann geht es also noch weiter?

S: Ja. Die ethische Grundposition des Physiozentrismus geht über die Beschränkung moralischer Verpflichtung auf Lebewesen hinaus und berücksichtigt als ethisch relevant alles, was existiert, in der terrestrischen und sogar außerterrestrischen Welt. Sie ist also diejenige Position, die am weitestgehenden moralisch Eigenwert zuschreibt. Im Physiozentrismus werden zwei Varianten unterschieden:

  1. Individualistischer Ökozentrismus: Alle individuellen Einheiten, einschliesslich der Steine, können moralisch richtig oder falsch behandelt werden.
  2. Holismus: Die ethische Relevanz wird bezogen auf Holons, auf Systeme und gleichzeitig deren sie bildenden Untersysteme und einzelnen Teile (z.B. Natur – Ökosysteme – Arten – Individuen – usw.), also auf Greifbares und Nicht-Greifbares.

Dabei finden sich in holistischen Theorien und Modellen unter prinzipiell wohl gleichem Grundgedanken oft Unterschiede – auch zur verwandten Philosophie der Ganzheit. In einer holistischen Ethik können die eingangs genannten vier Werthaltungen (instrumenteller Wert, inhärenter Wert, intrinsischer Wert, Eigenwert) nicht mehr je gesondert vertreten oder verworfen werden, sondern sind gemeinschaftlich „wahr“. Durch die Berücksichtigung von Allem was ist, wird darüber hinaus die Wertigkeit als Grundlage moralischen Bezuges relativiert (oder auf eine „höhere“ Ebene gehoben) durch das Sein an sich.

T: Dann wäre alles gleich?

S: So kann man das nicht sagen. Wenn in holistischer Ethik alles gleichermaßen ethisch relevant ist, bedeutet das nicht, dass alles gleich sei. Der holistischen Ethik geht es nicht nur, aber auch um den Schutz des Ganzen zugunsten des Menschen – denn auch er ist schützenswerter Teil des Ganzen, nicht um eine blinde „Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität“ und nicht um eine vermeintliche übergeordnete Zweckerfüllung, die zwangsläufig nur aus beschränkter menschlicher Sicht angenommen werden kann. Gerade die Vielfalt der Holons im Bewusstsein eines Ganzen drängt in der holistischen Ethik danach, auch die Eigenheiten der Teile zu berücksichtigen, was für den Menschen bedeutet, auch sein ethisches Empfinden und Bewusstsein zu entwickeln und zu schulen, sich von irrationaler Willkür zu lösen und das, was den Menschen u.a. ausmacht, die Befähigung zu Vernunft, Intellekt, Systemberücksichtigung, Sozialbewusstsein, differenzierter Emotionen und Glück zu nutzen, statt zu übergehen. Oder um es – noch einfacher – mit der Bedeutung des grundgesetzlichen Gleichheitssatzes auszudrücken: Wesentlich Gleiches darf nicht willkürlich ungleich behandelt werden, und wesentlich Ungleiches darf nicht willkürlich gleich behandelt werden. Unterscheidungskriterium und Maßstab kann dabei nicht allein der Mensch sein, sondern im Bewusstsein der Verbundenheit und Einbettung in einem Ganzen müssen rational und emotional geprüft erfüllbare und umsetzbare Kriterien gefunden werden, die nach Allgemeingültigkeit strebend Basis für menschliches Handeln sein können, muss dabei ein Bewusstsein entwickelt werden, das den Widerspruch zwischen humanem Anspruch und faktischer Realität von Krieg, Umweltzerstörung, Ungerechtigkeit usw. aufzulösen in der Lage ist.

T: Was heißt das nun für den Alltag?

S: Mit dem entsprechenden Nachdenken über meine Moral, also im Beziehen einer ethischen Position, habe ich eine Basis für mein Handeln im Alltag. Bei dem, was ich tue, kann ich mir nun auch verstandesmäßig bewusst machen kann, warum ich es tue, kann es ethisch einordnen, kann bewerten, ob es für mich auch schlüssig ist, und kann Lösungen suchen, so weit es geht. Denn wenn mir klar ist, dass mein Handeln unweigerlich auch meinen Verstand in Anspruch nehmen muss, wenn ich verantwortet handeln will, dann kann ich nur so widersprüchliches Handeln vermeiden. Dann muss mir aber auch bewusst werden, bewusst sein und bewusst bleiben, dass ich immer wieder etwas tue, was dem widerspricht. Es genügt eine Autofahrt, um unzählige Mücken zu töten, und das ökologische Gleichgewicht zu stören, durch Produktion schädlicher Abgase, durch Inanspruchnahme von Landschaft und Natur für die Straße, usw. Das ist der erste Schritt, sich einfach bewusst machen, was ich tue und wo ich hin will. Und das eben nicht nur in Bezug auf meinen Nächsten, sondern radikal gänzlich. Dabei hilft mir die Teilnahme am ethischen Diskurs, sei es nur im eigenen Kopf oder weitergehend, statt nur von Hürde zu Hürde zu stolpern, denn die Ethik schafft abstrahierend den Rahmen, in dem sich meine konkreten Schritte begutachten lassen.

T: Verstehe ich das richtig, dass du dich am ehesten in einer holistischen Ethik verortest?

S: So ist es.

T: Aber wie soll das gehen, wenn du dich nicht selbst vergessen willst?

S: Eingangs sagte ich bereits, dass Leben immer auf Kosten von anderen und anderem geht. Wie also kann man eine holistische Ethik mit Leben erfüllen? Auch die ethischen Positionen betrachte ich insoweit holarchisch. Die holistische Ethik umfasst den Biozentrismus, welcher den Pathozentrismus umfasst, welcher in gewisser Weise seinerseits wiederum auch den Anthropozentrismus umfasst. Das Durchlaufen dieser Positionen spiegelt nicht nur meine eigene Entwicklung wider, sondern hierauf kann ich praktisch aufbauen: Möglichst nichts tun, was Menschen schadet. Vom respektvollen Umgang miteinander bis zum Pazifismus. Der Pathozentrismus führt mich in ein veganes Leben – Schutz allen empfindungsfähigen Lebens, sei es Tier, sei es Mensch. Der Biozentrismus hemmt mich, unnötig eine Blume auszureißen. Schutz allen Lebens: Pflanze, Mensch, Tier. Der Physiozentrismus lässt mich unnötige Autofahrten vermeiden und bremst meinen Konsum. Und so weiter.

T: Das geht doch gar nicht umfassend…

S: Stimmt, da beginnen Probleme. Natürlich dienen mir Pflanzen zum essen. Und ich nehme Medikamente gegen eine bakterielle Infektion. Oft lässt sich hier allein logisch-argumentativ dann nicht mehr entscheiden. An einer Situationsethik kommt wohl auch niemand herum, der sich bewusst ethisch positioniert. Dennoch hilft auch hier der Verstand, sich Lösungen zumindest zu nähern, oder tragbar zu machen. So schlägt zum Beispiel der Ethiker Paul W. Taylor Prioritätsregeln vor, in denen alle Lebewesen zwar einen gleichen Eigenwert haben, aber unterschiedliche inhärente Werte:

  1. Prinzip der Selbstverteidigung,
  2. Prinzip der Verhältnismäßigkeit,
  3. Prinzip des kleinstmöglichen Schadens,
  4. Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit,
  5. Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Eine andere Möglichkeit: Die alte asiatische Religion des Jainismus, die den bekannten Gedanken der Ahimsa (Gewaltlosigkeit) geprägt hat und deren Ethik vielleicht bereits als eine holistische bezeichnet werden kann, verweist hier aus ihrem spirituellen Kontext heraus in verstandesmäßiger Umsetzung auf die „Sinnzähligkeit“, auf den Grad sensorischer Wahrnehmung, bei gleicher Wertigkeit aller Seelen, die im Kreislauf der Wiedergeburt ihre persönliche Entwicklung durchlaufen. So verfügen Pflanzen nur über den Tastsinn. Es folgen Mikroorganismen und kleine Tiere mit zwei, drei oder vier Sinnen, dann Lebewesen mit fünf Sinnen. Die höchste Entwicklungsstufe der Tiere und Menschen verfügt schließlich auch über Rationalität und Intuition. Oder die Integrale Theorie in der Ausprägung Ken Wilbers: sie zielt auf die sogenannte Tiefe der Holons ab. Ein Mensch hat eine größere holarchische Tiefe als ein Tier, ein Tier eine größere Tiefe als eine Pflanze, usw. Aber das ist natürlich jetzt recht vereinfacht… Es gibt für mich folglich keinen Grund zur Resignation.

T: Das ist doch kein freudiges Leben mehr…

S: Das alles klingt für viele Menschen sicherlich danach, als würde das Leben wahnsinnig kompliziert, voller Hemmungen, Beschränkungen und Entbehrungen. Doch nein, so ist es für mich nicht. Meine Lebensqualität und mein Glück hängen nicht davon ab, dass ich Thunfisch esse, das neueste Handy besitze, die Wege „unkrautfrei“ halte, modisch gekleidet bin, oder bei Regen nicht nass werde. Es gibt ganz andere Freuden mit ganz anderer, ich denke höherer Qualität. Abgesehen davon, dass es mir ohnehin an nichts wirklich fehlt. Freiheit ist wesentlich auch, einigermaßen unabhängig von Besitzdenken, Bequemlichkeitsstreben und Anpassungszwängen zu sein. Ohne dass ich deshalb ein einsamer Griesgram würde, der nicht genießen kann. Es bedeutet auch nicht, bei jeder Kleinigkeit mühsam großes Nachdenken zu beginnen. Der Prozess der Bewusstmachung ist wie Klavierspielenlernen – es entwickelt sich so etwas wie eine „Motorik“.

T: Okay. Dann halte jetzt dein Schluss-Plädoyer.

S: Scherzkeks. Aber ich tu’s. Jedes ethische System ist – das versteht sich aus sich heraus – von Menschen gemacht und kann auch nur vom Menschen her verstanden werden. Doch auf dieser epistemischen Ebene wird noch keine Bewertung vorgenommen, ob und inwieweit der Mensch höher – oder niedriger – als andere Lebewesen einzustufen ist, wird noch nicht bestimmt, was uns Objekt moralischer Verpflichtung sein soll. Die Epistemologie ist zwangsläufig auf den Menschen bezogen, weil sie danach fragt, wie wir von etwas wissen können, welche Wahrheitsbegriffe und Kriterien uns als verlässlich gelten können, was Wissen und Gewissheit bedeuten. Übergänge in und Schnittmengen mit ontologischen Betrachtungen, die nach den fundamentalen Strukturen der Realität fragen, mögen sich zwar ergeben, doch diese Grundebene bleibt lediglich letztlich unumgängliche Perspektive. Erst auf einer weiteren Ebene, die sich aufwärtskausal aus der Grundebene ergibt, fließen Bewertungen und damit moralisch relevante Kriterien ein, eröffnet sich das Feld der Ethik, die danach fragt, wie wir handeln sollen – und in Rückkoppelung zur Grundebene gleichzeitig sich bestimmt, warum wir so oder anders handeln sollen. Das Potential der so gewonnenen ethischen Position zur bewusstseinsgebundenen Weiterentwicklung und der Erfolg – oder das Scheitern – der Wechselwirkung mit dem Gesamtsystem wirken schließlich (abwärtskausal) quasi falsifizierend resp. verifizierend oder das Denken umstrukturierend zurück auf die Epistemologie. Die ethische Orientierung des Menschen ergibt sich zwangsläufig aus den Strukturbeziehungen der Gesamtstruktur – welche in der Zeit evolvierte Grundveranlagungen, Kultur und Ökologie selbstverständlich einbezieht – und wirkt im Handeln des Menschen und den sich daraus ergebenden Folgen zurück auf die Gesamtstruktur, deren Teile und Beziehungen. Ethik epiphänomenal zu betrachten, greift daher zu kurz. Die Befähigung zur Ethik ist eine Emergenz, die epistemologisch den Menschen herausfordert und stets erneut seine Kriterien und Bewertungen hierzu in Beziehung setzen muss. Es bedarf letztlich einer eigendistanzierten Betrachtung, um argumentationstheoretisch die Stringenz ethischer Positionen einzuschätzen, welche schließlich bestimmen, was uns die Objekte moralischer Verpflichtung sein sollen. Ethik stellt also zwar ein menschliches System dar, von ihm gemacht und von ihm her zu verstehen, aber sie darf nicht ausschließlich auf ihn hin verstanden werden. Mit einfacheren Worten: Wenn wir also allgemeingültig etwas beurteilen wollen, was gut und was schlecht sei, tun wir gut daran, es sozusagen aus „höherer Warte“ und stets mit dem Blick auf das Ganze zu tun. Das umfasst auch die Vergangenheit und die Zukunft, ebenso die Vergangenheit vor dem Menschen und die Zukunft nach dem Menschen. Dass wir überhaupt Lebewesen sind, die sich ethische Gedanken machen können, ist ein phänomenales Wunder, das nicht zufällig ist, sondern Gründe hat, und das ich würdigen möchte. Der Mensch steht nicht über der Welt, sondern ist aus und in ihr in Raum und Zeit geworden. Nur wenn er sich wirklich so begreift, wird er sein Handeln bewusster wahrnehmen und wirklich ethisch reflektieren können.

T: Puh… Geht’s nicht auch einfacher und weniger kopflastig?

S: Ja: Versuch zu verstehen, was Liebe ist. Dann liebe.

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3 Kommentare zu “Sag mal, übertreibst du es nicht?

  1. Hat dies auf Grace O rebloggt und kommentierte:
    Hallo liebe Leute,
    dieser sehr ausführliche philosophische Beitrag behandelt die Beziehung zwischen Menschen und anderen Lebewesen/der Natur allgemein. Für alle die ernsthaft über ihre Lebensweise nachdenken möchten bzw etwas Rüstzeug brauchen um ihren alternativen Lebenswandel argumentativ zu unterstützen.
    Gruß
    Grace

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