Stilfrage

„Ich habe keine Argumente. Das ist eben so!“

Fast hätte ich mich mit der Gastgeberin gestritten, als sich das Thema in das Gespräch hineinschlich und ich dazu meine Meinung äußerte. Sie ist Akademikerin, nicht ungebildet, intelligent. Und dann dieser Satz von ihr… Zorn stieg in mir auf.

Die Verantwortung, die wir haben, in unserem Denken und Handeln auch zu übernehmen, ist eben keine Frage von Bildungsstand und Intelligenz, sondern von Bewusstsein.

Der Zorn in mir ist nicht verursacht durch einen bestimmten Bewusstseinsstand eines Menschen – denn Bewusstseinsentwicklung ist ein Unterwegssein -, sondern durch dessen Weigerung, sein Bewusstsein zu entwickeln und zu weiten, sich also überhaupt auf den Weg zu machen. Denn das Potential dafür ist bei den allermeisten Menschen vorhanden. Und auch der Grund für die Notwendigkeit. Denn in direkter Konfrontation mit Leid zeigt sich bei den meisten Menschen Empathie und ein Ruf nach Abhilfe. Doch das versetzt in Unruhe. Also meidet (und vergisst) man solche Konfrontation lieber. Für mich ist das eine besonders schlimme Form des Egoismus, weil er räumlich und zeitlich so weite Kreise mit verheerenden Folgen nach sich zieht. Im kleineren Kreis der Familie und Freunde (und vielleicht noch der eigenen Nation) können wir uns höchst sozial zeigen. Doch alles andere – den größeren Kreis – blenden wir aus (oder schieben die „Schuld“ auf die Politik und Wirtschaft und vergessen es dann möglichst schnell wieder).

Ein zu voller Teller verhindert manchmal,
dass man über den Tellerrand blicken kann.
Sonst würde man sehen,
wie viele andere Teller leer sind.

Bewusstseinsentwicklung ist für mich eines der Hauptthemen meiner Spiritualität. Aber eben nicht in einer egozentrischen Ausprägung von „Wellness- und Kuschelspiritualität“, sondern integral, also im Hinblick auf das Ich und das Wir, das Subjektive und das Intersubjektive, das Individuelle und das Kollektive, das Innere und das Äußere, das Objektive und das Interobjektive. Die fast lebenslange Beschäftigung damit (und ich werde in Kürze 50 Jahre alt) hat mir gezeigt, dass die meisten Menschen durchaus „das Gute für alle“ wollen. Doch bei diesem Wunsch bleibt es zumeist. Und das macht mich zornig in Anbetracht der Folgen.

Wie soll man mit einem solchen Zorn umgehen, wenn man der Meinung ist, Änderungen seien notwendig?

 

 

Darf der das?

Humor ist eine gute Art, etwas zu vermitteln. Auch krasser Humor. Das ist richtig.

Manche hingegen vertreten die Ansicht, man dürfe die Leute nicht vor den Kopf stoßen und vergraulen; besser sei, klug zu taktieren, diplomatisch und sachlich zu argumentieren. So z.B. die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt. Das ist richtig.

Andere vertreten die Auffassung, man müsse die Menschen immer wieder so richtig durchschütteln, bis sie aufwachen. Das ist richtig.

Gut und richtig ist auch, das alles zu kombinieren.

Alles richtig? Ja. Selbstverständlich sollte man differenzieren, muss es insgesamt aber nicht so kompliziert machen. So wie es verschiedene Arten des Aufwachens gibt, gibt es auch verschiedene Arten des Aufweckens. Das ist meine Lebenserfahrung. Und man darf den Leuten durchaus auch mal auf die Füße treten (wenn man bereit ist, sich auch selbst auf die Füße treten zu lassen).

Die Sache mit dem Bewusstsein auf der Empfängerseite bleibt natürlich. Bin ich bereit, auch das zu sehen, was ich lieber nicht sehen möchte?

 

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Ein Kommentar zu “Stilfrage

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