Über Wasser und unter Wasser

„Ich habe bei meiner Toilette einen Spülstop eingebaut.
Der Umwelt zuliebe.“

Wenn Verbraucher in reichen Ländern wie Deutschland aus Gründen des Umweltschutzes Wasser sparen wollen, ist das zweifelsohne ein gut gemeinter Ansatz. Aber ist es auch gut?

Selbstverständlich sollen wir nicht unnötig Wasser verschmutzen; und dies beginnt natürlich schon im „kleinen“ Maßstab bei jedem Einzelnen (Seifen, Waschmittel, Spülmittel, Putzmittel, usw.). Doch was das Trinkwasser und seinen Verbrauch betrifft, haben humide Regionen wie Mitteleuropa nicht nur genügend Nachschub, sondern oft sogar zu viel – jedenfalls dort, wo ökologisch und volkswirtschaftlich unsinnige Verbauung immer wieder dazu führt, dass starke Niederschläge ganze Landstriche unter Wasser setzen. Das Sparen von Wasser, z.B. bei der Toilettenspülung, führt hierzulande zunehmend nicht zu ökologischen Vorteilen, sondern oft zu dessen Gegenteil. Geringere Wasserdurchsätze und Fließgeschwindigkeiten führen auf Dauer zu Absetzungen und Verkeimungen in den Leitungs- und Abwasserkanalnetzen, welche dann mit (Trink-)Wasser aufwändig gespült oder sogar saniert werden müssen.

Der globale Blick ergibt natürlich ein ganz anderes Bild. Jeden Tag sterben 4000 bis 5000 Kinder infolge von Wassermangel und dessen Folgen; die Erwachsenen sind dabei noch gar nicht mitgerechnet. Jeden Tag.

Wem dieser Skandal nicht gleichgültig ist, wird sich fragen, wie sich das ändern lässt. Wie kann ich als Deutscher denn Wasser in z.B. Afrika sparen?

Selbstverständlich bilden Ursachen und Lösungsansätze komplexe Geflechte, in denen der Einfluss des Einzelnen auf unmittelbarer Ebene (wie z.B. politisch) nur gering scheint. Doch auf mittelbarer Ebene kann der Einzelne durchaus sehr viel tun. Diesen Zusammenhang zu verstehen, ist im Grunde ganz einfach. Man muss nur einmal hinschauen, was z.B. der Handel mit wasserintensiven Produkten für die wasserarmen Regionen der Erde bedeutet.

Vielleicht trinken Sie gerade in diesem Moment, während Sie diese Zeilen lesen, eine Tasse Kaffee. Für die 125 ml Kaffee in Ihrer Tasse wurden 140 Liter Wasser im Herstellungsland verbraucht. Das hätte ausgereicht, 100 Kindern im selben, an sauberem Trinkwasser armen Land für einen Tag zumindest einigermaßen den Durst zu stillen. Und das T-Shirt aus Baumwolle, dass Sie vielleicht gerade anhaben, hat 2700 Liter Wasser in den Herstellungsländern verbraucht. Wenn es ein Loch hat, schmeißen Sie es in den Müll und kaufen sich in einem Discounter für 5 Euro drei neue T-Shirts (mit einem Wasserverbrauch von 8100 Litern). Die Verbrauchszahlen berücksichtigen dabei noch nicht einmal die versteckten Sekundärverbräuche. Das Schiff, dass den Kaffee nach Europa transportierte, muss ja auch mal gereinigt werden. Und für die Produktion des Schiffsdiesels wurde ebenfalls eine Menge Wasser verbraucht und verunreinigt. Endlose „Rattenschwänze“ sind mit dem verknüpft, was man in Ökologie und Ökonomie manchmal als „virtuelle globale Wasserströme“ bezeichnet.

Natürlich sollen Sie nicht auf Ihren Kaffee verzichten, und nackt sollen Sie auch nicht herumlaufen (wobei es Menschen gibt, wo man nichts dagegen hätte). Das Thema „Verzichtspotential“ betrifft insoweit mehr die psychologische Ebene, über die ein anderes Mal nachgedacht werden soll. Worauf ich hinaus will, werden Sie längst verstanden haben. Und Sie werden – so Sie denn wollen – Ihre eigenen Wege finden, Differenzierungen vornehmen (auch dieses Thema ist ja nicht nur „schwarz/weiß“), und Grenzen ziehen. Doch der erste und wichtigste Schritt ist immer, nicht einfach bewusstlos irgendwo mitzulaufen – und sei die Sache auf den ersten Blick auch noch so gut -, sondern Bewusstsein zu schaffen, es aufzuweiten, zu entwickeln, und es wach zu halten.

Es gibt viele Bereiche, in denen unser Konsum negative und oft katastrophale Auswirkungen hat. So weit muss man da gar nicht schauen. Vom (nicht nur) für den regionalen Wasserhaushalt verheerenden Billiggemüse aus Spanien im Discounter nebenan, über Grundwasser schädigende Überdüngung für die Herstellung heimischer landwirtschaftlicher Produkte sowie Herstellung und Transport sonstiger Güter, bis zum global verheerenden (und auch die europäischen Wasserspeicher gefährdenden) Klimawandel, den man forciert, wenn man den Kilometer zum Fitnessstudio mit dem Auto fährt. (Apropos Klimawandel: Dass der im Wesentlichen von uns reichen Ländern verursachte Klimawandel bereits die ersten ärmeren Inselstaaten [Tuvalu, Kiribati, …] unter Wasser gesetzt hat, wissen Sie vielleicht. Wie groß sind da unsere Skrupel, wenn wir nicht endlich anfangen, ernsthaft etwas zu ändern?). Zusammenhänge im Detail lassen sich für alle Lebensbereiche und auf allen Ebenen leicht überall recherchieren.

Für die Beantwortung der Frage, wie ich als einzelner Mitteleuropäer sinnvoll Wasser sparen kann und etwas gegen die globale Wasserkrise tun kann, soll also eine kurze zusammenfassende Aufzählung genügen:

  1. Prüfen, wo sich der eigene Konsum einschränken oder verändern lässt (Kaufverhalten, Fortbewegung, Müllproduktion, usw.) – und das dann auch tun. (Muss ich Rosen aus Kenia haben? Kann ich das Loch im T-Shirt nicht flicken? Kann ich mir das Fitnessstudio nicht sparen, wenn ich öfters mal zu fuß gehe oder das Fahrrad nehme?)
  2. Produkte kaufen, die möglichst ökologisch verträglich hergestellt und fair gehandelt sind.
  3. Nicht unnötig Wasser verschmutzen. (Muss die Jeans wirklich schon gewaschen werden? Muss das Auto tatsächlich schon wieder in die Waschanlage? usw.)
  4. Organisationen unterstützen, welche an einer Verbesserung der Zustände arbeiten.
  5. Keine Organisationen unterstützen, die schlimme Zustände verursachen oder Mensch und Umwelt ausbeuten. (Das beginnt schon mit der Wahl der eigenen Bank. Wie arbeitet ihre Bank eigentlich mit ihrem Geld? Welche Aktiengeschäfte tätigt ihre Bank, und welche tätigen vielleicht auch Sie selbst?)
  6. Gehen Sie zur Wahl und wählen Sie eine Partei, die wirklich für den Schutz der Umwelt und für soziale Gerechtigkeit – auch global! – eintritt.
  7. Bewusstsein und Wissen schaffen. Bei sich selbst, und bei anderen.

Ich kann nicht die ganze Welt retten. Das muss ich auch nicht. Aber ich kann dazu beitragen, die Welt zu retten. Und ich würde sagen, das muss ich auch.

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13 Kommentare zu “Über Wasser und unter Wasser

  1. Es ist ein viel größeres Problem, dass Menschen mit hoher Intelligenz diese an eine ideologie verpfänden. Trotz der scheinbaren Tiefsinnigkeit, folgt dieses Essay einer sophistischen Scheinlogik, mit konstruierten Kausalitäten – wie bei allen Planetenrettern und nach dem Schema: ‚wir sind arm, weil ihr reich seid.‘
    Die Triebkraft der Entwicklung und hervorragende Eigenschaft des Menschen überhaupt – seine Produktivität – wird ignoriert. Dabei steht gerade der Öko-Bio-Fanatismus hinter vielen unsinnigen, umweltschädigenden Maßnahmen.
    Verwendet der Autor seinen scharfen Sinn für eine ehrliche Analyse, erscheinen die Zusamenhänge sicher anders.

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    • Und konkret?

      Danke für die Anmerkung.

      Am Rande: Grenzt Satz 3 des Kommentars nicht auch an einen Sophismus? Und man sollte vorsichtig sein, mir hohe Intelligenz und Scharfsinn zu unterstellen. Soweit Sie nicht mich meinen: Sorry.

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  2. Als Leser kann ich mich nur auf den Inhalt der post beziehen. Aber, mit Verlaub, ein gut geschriebener Sophismus setzt Intelligenz voraus. Für Punkte 5., 6. und 7., z.B. reicht doch nur ein nochmaliges Überdenken um als „rote Heringe“ zu entlarven.
    Weder Dosenpfand, noch Mülltrennung oder Ihr eigenes Windrädchen kann den kulturellen und materiellen Fortschritt des Abendlandes, als Folge 2000-jähriger imperialistischer, kolonialistischer Ausbeutung und technologischer Errungenschaften, löschen. Diese heutige Erleuchtung ist nichts als gönnerhafte Heuchelei, mit welcher sich die Aktivisten auf den moralischen Olymp erheben und die betroffenen Gesellschaften weiterhin entmündigen.
    Früher sagte der weiße Mann wo es lang geht – und heute genauso. 🙂

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    • Konkret…

      1. Bestehen Ihrer Ansicht nach Wasserprobleme in der Welt?

      2. Wenn ja: Meinen Sie, die Menschen gut versorgter Gebiete wie Mitteleuropa tragen eine (Mit-)Verantwortung bei der Lösung dieser Probleme?

      3. Wenn ja, welche Lösungen schlagen Sie vor?

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      • Zunächst für ein besseres Bild:
        Seit 1989 arbeitete ich ehrenamtlich in Indochina, um den Khmer den Übergang aus der Steinzeit Pol Pots in die Moderne zu helfen, direkt für die dortigen Behörden und ohne geldfressende NGOs. Ich schreibe aus tiefer Kenntnisse der Verhältnisse.
        Daher zu Ihren Fragen:
        1. Ja
        2. Nein (wie sich z.B. das mit Öl gut versorgte Arabien nicht um den Energiemangel in den Industrienationen kümmert).
        3. Meine Lösungen sind demnach komplett inkompatible zu Ihren Ideen.

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      • Danke. Damit verstehe ich auch den Ansatz Ihrer Kritik besser.

        Aufgrund Ihrer Antworten vermute ich auch einen unterschiedlichen „philosophischen“ Hintergrund unseres unterschiedlichen Denkens. Dass Sie Ihre Kritik hier äußern, ist für mich wertvoll. Dadurch werde ich künftig mit einem weiteren Augenpaar durch die Welt gehen – da ich es liebe, zu lernen. Auch, wenn Ihre Kritik weder mein Denken, noch meine Denkungsart zu diesem Thema verändert. Aber alle Zukunft ist offen.

        Zwei inhaltliche Anmerkungen:

        Die Trennung zwischen direkter Arbeit für die Behörden und der Arbeit der NGOs ist mir zu undifferenziert.

        Ob Ihre Lösungen inkompatibel zu meinen Ideen sind, kann ich nicht beurteilen. Außer der genannten direkten Arbeit für die Behörden, kenne ich Ihre Lösungen ja nicht. Die direkte Arbeit für die Behörden wäre jedenfalls aus meiner Perspektive unproblematisch kompatibel.

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  3. Mit der Tasse Kaffee haben Sie mich erwischt – den hab ich beim Lesen tatsächlich getrunken. Ich versuche meinen (Bio-Fair-)Kaffee-Verbrauch auf 3-4 Tassen täglich zu beschränken und ergänze dann mit Getreidekaffee aus Deutschland. Zum Glück spare ich bei der Baumwolle sehr viel ein. Aber Sie haben recht, der erste Schritt ist es, sich diese Zahlen einmal klar vor Augen zu führen!

    Herzliche Grüße,
    Marlene

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    • Ein Käffchen habe auch ich gerade getrunken 😉 .

      Ich habe es damals ebenso gemacht: Auf Bio-Fair-Kaffee umgestiegen und den Verbrauch gleichzeitig halbiert. Nur Getreidekaffee habe ich noch nicht probiert, da fehlt mir das Koffein.

      Vielen Dank,
      und lieben Gruß
      Stefan

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  4. Gestern hatte ich noch genau dieses Gespräch mit meinem Freund, der mir dasselbe sagte. Das man das Problem „Wasserknappheit“ nicht löst, indem an während des einseifens unter der Dusche das Wasser ausstellt, oder nach dem Toilettengang nur mal „kurz“ die Spülungt drückt. Im Gegenteil, die Rohre müssen mal richtig durchgespült werden, damit der Kreislauf hierzulande funktioniert.

    Man sollte wirklich an anderer Stelle sparen und nachdenken. Mein Freund trägt seine 25 Euro Shirts sogar noch mit Löchern (was ich nicht uunebdingt befürworte) und hat generell nur ein paar Kleidungsstücke die bis zum Schluss aufgetragen werden, ich kaufe seit geraumer Zeit Second Hand Kleidung und ja, wir versuchen unser Leben irgendwie größtenteils mit Sinn und Verstand zu gestalten. Toller Beitrag! Viele Grüße.

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